Das erste Gewand

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Inhalt
1 Einleitung
2 Gewänder im Wandel der Zeit
2.1 Fränkisch/Wikinger
2.2 Normannisch / Beginn des Hochmittelalters
2.3 Hochmittelalter
3 Kleine Stoff- und Farbenkunde
4 Literatur

1 Einleitung

Grundschnitt  der Tunika.
Grundschnitt der Tunika.
Die Basis für viele Gewandungen ist die schon in der Antike entstandene Tunika, die in ganz Europa von den Anfängen des Mittelalters bis ins 14. Jhdt. getragen wurde. Nachdem im 14. Jahrhundert die Schnitte im allgemeinen komplizierter wurden, war sie noch lange ein Kleidungsstück einfacher Leute. Mit diesem Arbeitsblatt wollen wir eine kleine Hilfe geben, um zu zeigen, daß die erste mittelalterliche Kleidung nicht unbedingt Schnürhemd und Lederhose sein muß.
Halsausschnitt
Halsausschnitt
Für eine einfache, knielange Tunika braucht man etwa 2 m Stoff, der im allgemeinen in Breiten von etwa 1,4 m angeboten wird. Auf Abbildung 2 sieht man, wie der Zuschnitt für die Tunika in einem einfachen Gewand war. Der schraffierte, untere Teil soll zeigen, wie der Stoff im Mittelalter zugeschnitten wurde, während der Rest zeigt, wie die Einzelteile zusammengesetzt werden. Man muß dabei beachten, daß der Stoff damals oft exakt auf die gewünschte Breite gewebt wurde und man vermeiden wollte, nicht nutzbare Reste übrig zu behalten. Ähnlich wie auf der Abbildung sollte man den Stoff auch jetzt zuschneiden, dann bekommt man am Ende eine Tunika wie in Abbildung 1.
Ein typischer Halsausschnitt, wie im Grundschnitt gezeigt, ist der “Schlüsselloch-Ausschnitt”, der oft mit einer Fibel, Brosche oder bei Wikingern auch mit einer Perle als Knopf verschlossen wird. Entweder versäumt man ihn komplett oder verwendet die hier gezeigte Version, um einen etwas steiferen Ausschnitt zu erhalten. Dabei muß der Halsausschnitt vor dem Zusammensetzen angefertigt werden (Abb. 3). Zum Verstärken kann man einen Stoffrest verwenden, auf den man zuerst einen Kreis mit dem Durchmesser des Halsumfanges aufzeichnet (meistens etwa 13 - 17 cm). Auf diesen Kreis wird ein Keil von min. 6 cm Länge gesetzt. Rund um diese Grundform wird 5 cm Stoff zugegeben und das jetzt schlüssellochähnliche Gebilde ausgeschnitten (Abb. 3).
Das “Schlüsselloch” wird auf der Außenseite des Stoffes festgesteckt, wobei 2/3 des Kreises zur späteren Vorderseite mit dem “Bart” nach vorne zeigen (Abb. 4). Danach umnäht man es entlang der Linie und schneidet den Innenteil des Schlüsselloches nicht zu nah der Naht durch beide Stoffbahnen entlang aus (Abb. 4 schraffiert).
Jetzt braucht der Stoff nur noch nach innen umgeschlagen werden und nochmal eine Naht zur Befestigung des Ausschnittes entlang des Innenumfangs genäht werden. Die Tunika wird jetzt zusammengenäht, Ärmel und Rocksaum versäumt, und das erste Gewand ist fertig.
Frauenkleid.
Frauenkleid.
Ein Frauenkleid entspricht im Schnitt in etwa dem Tunikaschnitt, nur war es länger und hatte oft im vorderen und hinteren Bereich zusätzliche Keile eingenäht, um eine genügende Schrittfreiheit zu gewährleisten (s. Abb. 5). Weiterhin hat man, wie in Abbildung 5 gezeigt, ab Mitte des 13. Jhdts. oft unter der Achsel einen Zwickel eingenäht, ein rautenförmiges Stück Stoff, durch den die Gewänder enger genäht erden konnten, ohne die Beweglichkeit einzuschränken. Variationen gab es in der Form und Länge der Ärmel und im Halsausschnitt, der rund, oval, eckig und rautenförmig o.ä. sein konnte.
Der Einfachheit halber sucht man in Abbildungen aus der Zeit, die man darstellen will, ob es dort Formen gab, die von der normalen Tunika abwichen. Die Tunika kann natürlich mit Borten und Stickereien versehen werden. Es war außerdem üblich mehrere lagen Stoff übereinander zu tragen. (z.B. Untergewand aus leichtem Leinen, darüber eine langärmelige, enge Tunika und zusätzlich ein kurzärmeliges, weiter geschnittenes Obergewand). Es gibt eine Vielzahl von Variationsmöglichkeiten, nachfolgend ein paar Beispiele.


2 Gewänder im Wandel der Zeit


2.1 Fränkisch/Wikinger

Fränkisch / Wikinger
Fränkisch / Wikinger
ca. 700-1000 n.Chr. (Abb. 6 & 7)
Bis auf kleinere Variationen hatte die Kleidung dieser Zeit sehr ähnliche Schnitte. Es wurden neben den einfarbigen auch gemustert gewebte (Karos, Streifen) und mit einfachen Mustern bedruckte Stoffe verwendet. Wikingerfrauen trugen zusätzlich oft einen Schlauchrock, der mit zwei Broschen befestigt und über den oft eine Art Schürze getragen wurde.


2.2 Normannisch / Beginn des Hochmittelalters

Frühes Hochmittelalter
Frühes Hochmittelalter
ca. 1000-1150 n. Chr. (Abb. 8)
Die Schnitte wurden jetzt etwas komplizierter. Weiterhin wurden die Gewänder im allgemeinen länger, was für die Männer bedeutete, daß oft ein Schlitz in das Gewand geschnitten werden mußte, um das Reiten zu ermöglichen. Die Ärmelausschnitte der Übertuniken von Frauen wurden teilweise so extrem weit, daß sie auf dem Boden schliffen.


2.3 Hochmittelalter

Hochmittelalter
Hochmittelalter
Oben: Surcót, Unten: Zweifarbig geteiltes Gewand (Mi-Parti) mit Zaddeln
Oben: Surcót, Unten: Zweifarbig geteiltes Gewand (Mi-Parti) mit Zaddeln
ca. 1150-1300 (Abb. 9)
Aus dem Waffenrock entwickelte sich der Surcót (Abb. 10), der bis zum Ende des 15. Jahrhunderts von Männern und Frauen gleichermaßen getragen wurde und den es in verschiedensten Variationen gab. Weiterhin kamen gegen Mitte des 12. Jahrhunderts das zweifarbig geteilte Gewand (Mi-Parti) und in einfacher Form die Zaddeln auf (Abb. 11).
Zu dem Gewand kann man noch verschiedenste Accessoires tragen: Gürtel mit Gürteltaschen und Beuteln, Stirnreifen, Schmuck oder ein Messer für das Essen. Und natürlich gibt es als wichtiges Kleidungsstück den Mantel. Die einfachste Form ist der Rechteckmantel, den es schon in der Bronzezeit und bis zum Ende des 12. Jahrhunderts gab. Er wird normalerweise auf der rechten Schulter mit einer Fibel geschlossen. Weiterhin gibt es die Radmäntel, die aus Teilstücken eines Kreises geschnitten und die auf der Brust geschlossen werden (Abb. 8 und 9).
Oben: Gugel, Unten: Beinlinge
Oben: Gugel, Unten: Beinlinge
Auch gibt es als Ergänzung die Gugel, die fast das gesamte Mittelalter getragen wurde (Abb. 12). Bis ins frühe Hochmittelalter wurden einfache Hosen (Braccae) getragen, danach entwickelten sich diese zu der Kombination von Bruch (einfache Unterhose, ähnlich modernen Boxershorts) und den Beinlingen, die mit Schnüren an den Bruchgürtel befestigt wurden (Abb. 13). Weiterhin sollte noch darauf geachtet werden, daß zumindest die Frauen immer mit Kopfbedeckung liefen (Schleier, Tuch) und es auch für Männer üblich war einen Hut oder Haube zu tragen.


3 Kleine Stoff- und Farbenkunde

Abschließend hier noch eine kleine Stoff- und Farbenkunde um die Auswahl zu vereinfachen.
Im Mittelalter benutzte man als Stoffe primär Leinen, Hanf und Wolle, die sich auch oft für den Adel nur durch die Qualität der Stoffe unterschieden:
* Leinen/Hanf: Dies war der verbreitetste Stoff für leichte Gewänder und Untergewänder, der oft in Heimarbeit gesponnen wurde. * Wolle: Der universelle Stoff für fast alles im Mittelalter. Von der Tunika über den Mantel und die Gugel bis hin zu den Beinlingen wurde Wolle in den verschiedensten Qualitäten verwendet. * Seide/Brokat: Bis ins späte 13. Jhdt. waren dies teure, aus dem Orient importierte Stoffe, die sich nur die Reichsten leisten konnten. * Baumwolle: Einige wenige Beispiele wurden schon in früher Zeit gefunden, waren jedoch wohl Importe aus dem Orient und absolut selten. Erst zum Ende des 13. Jhdts. hin wurde Baumwolle als Mischgewebe mit Leinen (Barchent) allgemein verwendet. * Samt: Wurde erst zum 14. Jhdt. hin verwendet und fällt damit für diesen Zeitrahmen aus. * Leder: Wurde meistens nur als Arbeitskleidung getragen (z.B. Schmiedeschürze) und war eher ein Zeichen des armen oder einfachen Mannes.
Neben den Stoffen konnte man auch mit Verwendung teurer Farben seinen Status zeigen. Das einfache Volk verwendete natürlich oft ungefärbte Stoffe.
* Brauntöne: Die Färbung mit Naturfarben war im Volk verbreitet und preiswert * Blautöne: Waren die beliebteste Farben, da sie preiswert mit heimischen Färbemitteln herzustellen waren * Rottöne: Waren beim Adel schon von altersher durch ihre Blutsymbolik sehr beliebt. Rot war schon relativ preiswert als Krapprot zu erhalten und wurde auch von ‘normalem’ Volk verwendet. * Gelbtöne: Leuchtendes Gelb wurde auch vom Adel getragen, während fahles Gelb gelegentlich der Kennzeichnung sozialer Außenseiter diente (z.B. Prostituierte, Juden) * Grüntöne: Waren relativ teuer, da sie Mischfarben waren und in der Farbensymbolik eher jungen Leuten vorbehalten. * Schwarz: Kam im zivilen Leben erst zum Ende des 14. Jhdts. in Mode und wurde sonst eher vom niederen Klerus getragen.
Wir hoffen, wir konnten mit dieser kleinen Anleitung eine Hilfe geben, sich die erste mittelalterliche Gewandung zu machen und Euch vor einigen Fehlern bewahren. Zum Abschluß hier noch ein Buchtip der Anfängern und Fortgeschrittenen in der beschriebenen Zeit sehr helfen kann:


4 Literatur

- U. Lehnart:
Kleidung und Waffen der Früh- und Hochgotik (1150-1320),
ISBN 3-9805642-2-3
DM 42


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